Wozu brauchen wir den Kiebitz?

NABU Fotos: Gerd Peter - Christoph Bosch - Frank Derer

Dass Landwirtschaft und Naturschutz Positionen vertreten, die oft weit auseinan-derliegen, ist eine bekannte Tatsache. Zu unterschiedlich sind die Interessenlagen, als dass ein harmonisches Miteinander zu erwarten wäre.

 

Bei einem Treffen in unserer Gemeinde von Vertretern des Naturschutzes mit Ver-tretern der Landwirtschaft wurde die Bedrohung von Bodenbrütern durch die Intensiv-landwirtschaft thematisiert. Es ging um mögliche Schutzmaßnahmen für die Feldlerche, das Rebhuhn, die Wachtel und den Kiebitz.

 

Es ist Fakt, dass diese Vögel auf unseren Äckern und Wiesen kaum überleben können. Für die Altvögel mögen die agrarischen Intensivflächen vielleicht noch ausreichend Nahrung bieten, zur erfolgreichen Aufzucht von Vogelbrut ist diese Landwirtschaft nicht mehr geeignet. Dieser Sachverhalt wird auch von Landwirten nicht bestritten. Streitig ist allein die Frage, warum die Landwirte diese Situation ändern sollten.

 

Das Streitgespräch gipfelte in der Frage, die der Sprecher der Landwirte so formulierte:

„Wozu brauchen wir den Kiebitz?“ Die Frage wurde nur formell gestellt und blieb ohne Antwort. Es war aber klar, was der Wortführer der Landwirtschaft sagen wollte. „Den Kiebitz brauchen wir nicht!“

 

Der Kiebitz und viele andere Bodenbrüter sind für den ohne Bedeutung, der nur nach dem wirtschaftlichen Nutzen dieser Vögel fragt. Der Kiebitz ist kein jagdbares Wild, er steht auf keiner Speisekarte, und die Wiese, auf der er brütet, kann auch ohne ihn auskommen. Er nützt uns nicht, sodass uns sein Verschwinden nicht zu kümmern braucht. Was wir ‚brauchen’, lässt sich - aus dieser Perspektive betrachtet - auf wenige Tierarten reduzieren: das Hausschwein, das Rind, das Huhn, die eine oder andere Fischart, vielleicht noch die Honigbiene...

 

Diese Denkweise enthebt den Fragesteller von jeglicher Verantwortung oder Fürsorge für den Bestand unserer Flora und Fauna.  Zwar ist die Frage nach dem Nutzen einer Tierart für uns Menschen nicht von vornherein verwerflich. Als ausschließliches Kriterium für die Frage der Existenzberechtigung bestimmter Tiere oder Pflanzen in unseren Landschaften ist diese Fragestellung jedoch schändlich. Die Frage, wozu wir den Kiebitz brauchen, ist falsch und ungehörig. Die notwendige Frage muss lauten, ob und wie andere Landwirtschaftsformen unsere Artenvielfalt erhalten können.

 

Dass die Landwirtschaft bei weitem nicht der alleinige Verursacher des Artenverlustes ist, muss uns allen bewusst sein.  Die Zerstückelung und Versiegelung der Landschaft durch Industrieflächen und Straßenbau, naturfeindliches Bauen und sehr viele andere Dinge mehr   haben einen großen Anteil am Artenverlust unserer Tage. Aber mit einseitigen oder gegenseitigen Schuldzuweisungen verhindern wir nicht den Artenschwund. Solche Dinge dienen nur als Rechtfertigung eigener Inaktivität.

 

Was die Landwirtschaft betrifft, so gibt es ökologisch sinnvolle Maßnahmen, die neben der Intensivlandwirtschaft Platz finden können. Dazu gehören das Anlegen von Blühstreifen, die Respektierung von Randstreifen an Äckern und Wegen sowie der Verzicht auf intensive Bewirtschaftung der wertvollen Uferrandstreifen an Flüssen und Bächen, ferner ein Stopp von Umwandlung artenreicher Wiesen und Feuchtgebiete in monotone Flächen von Hochleistungsgräsern, die Bewahrung von Ödlandflächen, die Vermeidung exzessiver Maiskulturen, das sind nur einige Möglichkeiten. Wenn durch diese Maßnahmen den Landwirten ein ökonomischer Verlust entsteht, dann muss die öffentliche Hand sicherlich finanzielle Kompensation gewähren, denn umsonst ist nichts auf dieser Welt zu haben.

 

Die Frage nach dem Nutzen des Kiebitzes für uns   möchte ich mit einem Gedanken beantworten, der über die Frage des wirtschaftlichen Nutzens hinausgeht:

Eine Lerche über dem Feld zu hören, einen Kiebitz im Balzflug über der Wiese zu hören und zu sehen – das sind Dinge, die ich nicht kaufen oder verkaufen kann. Sie sind einfach schön, und sie sind uns als Vermächtnis gegeben worden.

Deshalb sollten wir sie bewahren, mit ganzem Herzen, und soviel wie es uns möglich ist.

 

Volker Kropik

07. August 2017

 

 

 

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